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DIE SACHE MIT DEM KINDERGELD FÜR GEORG

  • vor 5 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Ich saß also heute Morgen im Wartebereich der Kindergeldstelle. Neben mir ein Stapel Formulare, eine Thermoskanne Kaffee und Georg.


Georg ist ein Miniatur-Bullterrier.

Laut Zuchtbuch ein Hund.

Laut mir: mein Sohn.


Georg saß neben mir auf dem Stuhl.

Ich hatte ihn mitgenommen.

Er kann ja schlecht stundenlang alleine zu Hause bleiben.

Keine Mutter lässt ihr Kind einfach allein zu Hause.

Also saß er neben mir.

Ganz selbstverständlich. Auf dem Stuhl.

Die Leute im Wartebereich sahen kurz zu uns rüber.

Georg nickte.

Damit war die Sache eigentlich geklärt.

In diesem Moment blinkte die Anzeige.

Nummer 47.

Ich stand auf. „Komm, Kind.“


Der Sachbearbeiter sah auf. So ein Typ, der aussah, als hätte er seit 1993 keinen Spaß mehr gehabt. Er guckte erst mich an. Dann Georg. Dann wieder mich.


"Guten Tag. Worum geht es?"

Ich legte das Zuchtbuch auf den Tisch.

"Ich möchte Kindergeld beantragen."

Er nickte routiniert.

"Für wie viele Kinder?"

Ich zeigte auf Georg.

Der Sachbearbeiter blinzelte langsam.

"Das… ist ein Hund."

Ich nickte.

"Ja."

Er wartete.

Ich wartete.

Georg wartete auch. Allerdings nur darauf, ob irgendwo ein Keks auftaucht.


Der Sachbearbeiter räusperte sich.

"Sie möchten… Kindergeld… für einen Hund."

"Für meinen Sohn."

"Für Ihren… Sohn."

Ich schob das Zuchtbuch rüber.

"Hier ist das Geburtsdokument."

Er schlug es auf.

"Das ist ein Zuchtbuch."

"Ja."

"Da steht Miniatur-Bullterrier."

"Korrekt."

Er sah mich an, als würde sein Gehirn gerade versuchen, diese Situation zu begreifen. Es hatte sichtbar Schwierigkeiten.

"Frau… Waldhausen… Sie wissen schon, dass Kindergeld für Kinder ist."

Ich nickte.

"Deshalb bin ich ja hier."

Er zeigte auf Georg.

"Das ist ein Tier."

Ich lehnte mich zurück.


"Hören Sie… ich habe den Jungen mit drei Tagen schon auf der Brust gehabt."

Der Sachbearbeiter hielt kurz inne.

"Mit… drei Tagen."

"Ja."

"Warum?"

"Weil er meine Nähe brauchte, wie jedes Neugeborene!"

Georg nickte zustimmend.


Der Sachbearbeiter massierte seine Stirn.

"Sie sind nicht seine Mutter."

Ich hob einen Finger.

"Moment."

Dann begann ich zu zählen.

"Erstens: Ich habe ihn großgezogen."

"Zweitens: Ich musste nachts drei- bis viermal raus."

"Drittens: Er hatte ständig Hunger."

"Viertens: Ich musste ihm alles beibringen."

"Fünftens: Er hört manchmal nicht."

Der Sachbearbeiter sagte langsam:

"Das tun Kinder auch."

"Sehen Sie?!"

Er zeigte wieder auf Georg.

"Aber er ist ein Hund."

Ich nickte verständnisvoll.

"Das ist eine sehr traditionelle Sichtweise."


Der Sachbearbeiter starrte mich an.


Ich beugte mich etwas vor.

"Heutzutage identifizieren sich Menschen als vieles."

"Als Katze."

"Als Wolf."

"Als Fuchs."

"Als Einhorn."

Ich machte eine kurze Pause.

"Ich identifiziere mich als seine Mama."

Stille.

Georg nickte.


Der Sachbearbeiter sah auf den Bildschirm. Dann wieder auf Georg.

"Kann er sprechen?"

Ich zuckte mit den Schultern.

"Naja… er bellt. Wenn er Hunger hat. Wenn er raus will. Wenn er spielen möchte."

Kurze Pause.

"Und er meckert, wenn ihm etwas nicht passt."

Ich sah den Sachbearbeiter an.

"Also eigentlich spricht er schon."

Georg nickte.


Georg setzte genau in diesem Moment seinen berühmten Bullterrier-Blick auf.

Den Blick, der sagt: Wenn ich jetzt kein Leckerli bekomme, verklage ich hier gleich jemanden.


Als gute Mutter bemerke ich das natürlich sofort.

Also greife ich in meine Tasche.

Pflichtbewusst.

Und hole eine Kaustange heraus.

Die habe ich nämlich immer für Georg dabei.

Man weiß ja nie.

Außerdem befinden sich in meiner Tasche noch:

ein Spielzeug, eine Wassernapf-Schüssel zum Ausklappen und ungefähr fünf Dinge, die nur Hundebesitzer dabei haben.

Der Sachbearbeiter beobachtet das alles sehr aufmerksam.

Dann sagt er langsam: "Sie sind wirklich vorbereitet."

Ich nicke.

Georg nickt.

Und beginnt, sehr zufrieden,an seiner Kaustange zu arbeiten.


Der Sachbearbeiter seufzte.

"Frau Waldhausen."

"Ja?"

"Wenn wir anfangen würden, für Hunde Kindergeld zu zahlen…"

Ich nickte.

"Dann hätten wir plötzlich sehr viele glückliche Hunde."

Er starrte mich an.

Ich lächelte freundlich.

"Und ehrlicherweise…"

Ich beugte mich etwas vor.

"…der Junge kostet mich mehr als jedes Kind."

Der Sachbearbeiter sah auf Georg.

Georg sah zurück.

Sehr lange.

Dann sagte der Sachbearbeiter:

"Darf ich ihn kurz streicheln?"

Ich nickte.

Georg legte sofort den Kopf auf den Tisch.

Der Mann kraulte ihn hinter dem Ohr.

Und murmelte:

"Also… sympathischer als viele Antragsteller."

Ich lächelte.

"Sehen Sie?!

Dann schob ich das Formular rüber.

"Dann machen wir doch einfach den Antrag fertig."

 
 
 

2 Kommentare

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BulliMom76
vor 5 Stunden
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Tolle Geschichte ❤️

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Claudia
vor 5 Stunden
Antwort an

Also ich finde, das könnte man wirklich mal versuchen.... *grins


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